Mobbing-Zentrale Schweiz

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MOBBING UND PERVERSE BEZIEHUNGEN

 

DEUTSCHE ZUSAMMENFASSUNG DES VORTRAGS

DRES MAURICE HURNI UND GIOVANNA STOLL

 

BERN, 18. NOVEMBER 2003

 

In den letzten Jahren haben sich die Begriffskonzepte „Mobbing“ und „seelische Gewaltanwendung“ (harcèlement moral) weit verbreitet. Offensichtlich entsprechen sie der Notwendigkeit, gewisse Wechselwirkungen in der Familie oder in der Arbeitswelt zu verstehen. Diese Konzepte begründen sich zu einem guten Teil in den psychoanalytisch ausgerichteten Arbeiten Paul-Claude Racamiers über die narzisstische Perversion und die perversen Beziehungen innerhalb der Familie. Wir haben an ihnen weitergearbeitet und sie entwickelt. Es scheint uns nützlich und richtig, die Ursprünge dieser Konzepte zu beschreiben, um ihre Konstanten und Grenzen genauer zu definieren.

 

Die Entwicklung dieser Konzepte hat den Zugang zur Gewalttätigkeit im Innern der Familie oder eines Betriebes eröffnet. In zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten wurde die körperliche Gewalttätigkeit und die dazugehörende Verhaltensstrategie relativ schnell ermessen. Andersartige, psychologische Gewalttätigkeit ist aber viel schwieriger zu erforschen und zu erkennen, weil sie subtil und verdeckt ist. Sie zu analysieren, zu verstehen und zu beschreiben erfordert spezifische Kenntnisse grundlegender Theorien und den Verzicht auf Dogmen.

 

  1. NARZISSTISCHE PERVERSION IN DER FAMILIE

 

Diese Pathologie impliziert zuallererst eine Art epistemologischer Umkehrung: Der Symptomträger wird nicht mehr als verhaltensgestörter Kranker gesehen sondern als Opfer einer äusseren Gewalttätigkeit.

Als Paul-Claude Racamier schizophrene Patienten innerhalb ihrer Familie untersuchte, kam er zur Überzeugung, dass ihre Symptome als Folge der Gewalttätigkeit, der sie innerhalb der Familie ausgesetzt waren, gesehen werden müssen; sie ist umso furchtbarer als sie äusserlich kaum in Erscheinung tritt. Es ist ihm gelungen, gewisse giftbringende Persönlichkeiten als pervers im narzisstischen Sinne zu identifizieren. Um zu leben, ernähren sich diese Individuen in einem gewissen Sinn vom Narzissmus der anderen. Diese Pathologie hat er narzisstische Perversion genannt, weil sie grosse Aehnlichkeit mit der sexuellen Perversion aufweist: Skrupellosigkeit; Wollust durch Peinigen des andern; Gebrauch des andern zur Erreichung der eigenen Ziele usw. Im Zusammenhang der Untersuchung der Dynamik der Paarbeziehung haben wir diese Arbeiten weitergeführt. In vielen Situationen fanden wir die gleiche Unmenschlichkeit und Grausamkeit im Beziehungsspiel zwischen den Ehegatten. Harmlos erscheinend, versucht jeder über den anderen Überlegenheit und Vorteil zu erlangen, indem er dessen Wesen psychologisch ausplündert. Schnell gelangten wir zum Schluss, dass Kinder solcher Paare unausweichlich miteinbezogen und so zu den wesentlichen Opfern einer solchen Beziehungspathologie werden.

Einige Aspekte der perversen Familiendynamik möchten wir im Folgenden darstellen; sie können uns helfen, die beschriebenen Dynamikabläufe – wie z.B. Mobbing – innerhalb der Berufswelt besser zu verstehen.

 

 

 

 

1.               Terror – Terrorismus

 

Leymann in seinem Buch „Psychoterror“ und andere Autoren, die über Mobbing schreiben, verwenden diese Begriffe. Wie wir selbst scheinen sie beeindruckt von der extremen Gewalttätigkeit, die diese Art von Beziehungen belebt. Nur unter diesem Aspekt wird verständlich, dass einerseits perverse Persönlichkeiten ungestraft ihren Machtmissbrauch – in der Familie, aber auch im Berufsleben, wo sie oft mit Leichtigkeit Karriere machen – ausleben können und andererseits ihre Opfer unter den katastrophalen Auswirkungen den Verstand, die Gesundheit und manchmal sogar das Leben verlieren.

 

2.               Die Austreibung der Konflikte

 

Solche perverse Personen haben weder Verlangen noch Möglichkeit, ihre inneren Konflikte auf sich zu nehmen. Sie werden sie auf ihre Umgebung übertragen, indem sie sie ihr injizieren! Dieses Exportprinzip ist schreckenerregend, weil es zu immer weiterer Verbreitung tendiert. Je besser es ihnen gelingt, ihre fernere Umgebung zu kontaminieren, umso mehr werden sie sich in Sicherheit fühlen. Die so entstehenden Konfliktsituationen sind also gewollt und werden geschürt; auf keinen Fall sind sie die Folge von einfachen Missverständnissen oder von simplen Kommunikationsstörungen!

 

3.               Die Entmenschlichung

 

Es ist heute eine recht gut bekannte Tatsache, dass sein Gegenüber für den Perversen nicht mehr als Objekt ist, von dem er nach Lust und Laune Gebrauch machen kann. Unzählbar sind die Strategievarianten, derer er sich bedienen wird. Man kann sagen, dass die perverse Person sich eine den andern dominierende Stellung anmasst, die es ihr erlaubt, über die andere Person frei zu verfügen. Auf eine gewisse Art werden die andern zu einer „Verlängerung“ des Perversen selbst und fruchtlos ist es, gegen seine Axiome Einspruch zu erheben. Der Perverse ist darauf versessen, seine Gegenüber in diese Rolle zu drängen, indem er sie in ihrem Selbstwertgefühl, ihrer Würde und ihrer Identität – alles Elemente des menschlichen Narzissmus! – zu erniedrigen. Er wird aus ihnen austauschbare „Objekt-Wesen“ machen, denen jede eigenständige Existenz abgesprochen wird.

 

4.               Angriff auf das Denken (Ent-Hirnung)

 

Der schlimmste Gegner der perversen Menschen ist das Denken. Es würde seine existenzielle Leere, die oft durch eine brillante Fassade maskiert wird, entlarven. Vielgestaltig und unerhört raffiniert sind die Wege, auf denen der Angriff auf das Denken vorgetragen werden wird: Herabwürdigung, Drohungen, emotionelles Bedrängen, Lügen, Manipulation des Sinnes von Wörtern und Begriffen lassen das Opfer dergestalt den Boden unter den Füssen verlieren, dass es ihm nicht länger gelingt, die Wirklichkeit zu beherrschen. Ideologien oder vereinfachte Slogans, aber auch sinnentleerte manageriale Theorien helfen, das gleiche Ziel zu erreichen: die Verhinderung von jeglichem kritischen und kreativen Denken. Allgemein gesagt ist die bevorzugte Waffe das Paradox: „Motivieren indem man lähmt“; „Freiheit geben indem man bindet“.

 

5.               Angriff auf die Bindungen

 

Hier handelt es sich um ein komplexes Konzept, weil es sowohl auf innere Bindungen (z.B. zwischen Gefühlen und Vorstellungen) als auch auf zwischenmenschliche Bindungen angewendet wird. Als Beispiel sei hier das Mobbing im Betrieb erwähnt, das die Solidaritätsbindung angreift und zu einer schrecklichen Abwesenheit des Mitgefühls bei den Kollegen des Mobbingopfers führt.

 

  1. AUSWEITUNG DES KONZEPTS DER PERVERSION AUF ARBEITSWELT UND GESELLSCHAFT IM ALLGEMEINEN

 

Dieser Schritt muss vorsichtig angegangen werden. Gewisse Situationen entwickeln sich in einer der Familie verwandten Logik, aber in andern finden wir dazu eine Komplizität der Opfer unter sich, die ihren Opferstatus dazu missbrauchen können, ihrerseits andere zu terrorisieren.

Mobbing ist unserer Meinung nach nur eine Erscheinungsform, die ein Klima der Perversion in einem Betrieb oder in einer Institution annehmen kann. Möglicherweise gibt es Betriebe oder Institutionen, die in ihrem Funtionieren perverse Abläufe aufweisen, ohne gar deren vorbestimmte Sündenböcke zu benötigen… (Als Beispiel Falldarstellung eines Patienten, der schwere Symptome psychischer und physischer Dysfunktion wegen eines perversen Klimas am Arbeitsplatz zeigte, sich dessen aber nicht bewusst war und noch weniger darüber kritisch nachdenken konnte).

 

Perverse Beziehungen und Verhaltensweisen verdienen es, genau bekannt zu sein, weil sie sich leicht, aber schwer bemerkbar in der Welt der Arbeit und der Gesellschaft abspielen: beide werden dadurch immer unmenschlicher und immer mehr sinn-entleert.