Mobbing-Zentrale Schweiz

 

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ARBEIT AUS CHRIST.ETHISCHER SICHT

André Urwyler

Reformierter Pfarrer in Köniz       

Ein Mann träumte: Er war gestorben und befand sich in einem herrlichen Land voller Bäume, bunter Blumen und anmutiger Bäche. Er liess sich nieder und ruhte sich aus. Dann überfiel ihn die Langeweile, und er rief: „Ist da jemand?“ Es erschien eine weissgekleidete, freundliche Gestalt und fragte ihn, ob er einen Wunsch habe. „Ich möchte etwas essen.“ Der Hungrige stellte ein herrliches Menu zusammen, Sekunden später stand es vor ihm. Er speiste und schlenderte weiter. „He!“, rief er, „Golf würde ich jetzt gerne spielen.“ Und schon stand er auf einem wunderschönen Golfplatz, Schläger und Bälle standen bereit. Der Mann spielte, ass wieder und schlenderte weiter. Er erhielt alles, was sein Herz begehrte. Doch eines Tages war alle Freude von ihm gewichen. Er zitierte den Freundlichen zu ihm und klagte: „Ich habe dieses Leben hier statt – gib mir etwas zu arbeiten!“ „Bedaure“, erwiderte der Weisse. „Arbeit – das ist das einzige, was ich dir nicht bieten kann.“ „Dann pfeife ich auf den Laden hier“, schrie der Mann. „Schicke mich in die Hölle!“ Der andere lächelte: „Wo glaubst du eigentlich, dass du bist?“

Soweit die Satire. Auch im biblischen Schöpfungsbericht findet Arbeit zwecks Existenzsicherung wie wir sie kennen im Paradies nicht statt. Als der Mensch wie Gott sein wollte, sein Schicksal selber in die Hand nahm und vom Baum der Erkenntnis die Früchte pflücken wollte, da verlor er die Harmonie, da verlor er das Paradies. Draussen vor der Tür wurde ihm die Arbeit mit folgenden Worten überwiesen: „Unter Mühsal sollst du dich vom Boden ernähren alle Tage deines Lebens. ... Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ Von vielen werden diese Worte so verstanden, dass die Arbeit als solche eine Strafe, ja ein Fluch sei, eine Vergeltung für die Überheblichkeit des Menschen im Paradies. Sie übersehen, dass die berühmten Worte zum Menschen „bebaue und bewahre die Erde“ schon vorher, also noch im Paradies ausgesprochen wurden, dass also Arbeit von Anfang an zur Erfüllung des menschlichen Lebens gehört.

Sinnvolle Arbeit ist eine Möglichkeit bewusster Lebensgestaltung. In ihr drückt sich der Mensch selbst aus, sein Wesen und seine Fähigkeiten. Durch sie bekommt sein Dasein einen besonderen Wert für die anderen – ohne Arbeit verliert es aber an Gewicht und Bedeutung. Die Beunruhigung, die drohender Arbeitsverlust schafft, entspringt keineswegs nur der Angst vor Existenzgefährdung oder geringeren finanziellen Bezügen, sondern der berechtigten Sorge, dass ohne Arbeit mit der Zeit das Selbstwertgefühl gemindert würde. Nicht nur für den Künstler ist die Arbeit ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit; auch eine Tätigkeit, die nicht im engsten Sinn schöpferisch ist, lässt die Mentalität desjenigen erkennen, der sie tut. Es ist eine Frage der Selbstachtung, ob man gedankenlos und nachlässig oder überlegt und sorgfältig arbeitet; es ist ein Zeichen des verantwortungs- und Solidaritäts-bewusstseins, wenn man seine Aufgaben so gut wie möglich erfüllt: In der Qualität unserer Arbeit drückt sich das Mass an Achtung aus, das wir für uns selbst und für andere haben. Darum ist es eine Frage der Selbstbewährung, ob man es fertig bringt, auch die einem nicht zusagende Tätigkeit mit innerer Zustimmung nach besten Kräften zu erfüllen. Wer hingegen unmutig und nur unter dem Zwang der äusseren Lebensumstände das Notwendigste tut, verkennt den Sinn der Arbeit und macht sie selbst zur Strafe. Die Freiheit des selbständigen Denkens und Handelns ist Kennzeichen menschlicher Würde. Wer seine Arbeit als einen Dienst versteht, den er in innerer Unabhängigkeit und Zustimmung leistet, der realisiert in ihr die Möglichkeit, aktiv an der Gestaltung der Welt teilzunehmen und damit seiner menschlichen Verpflichtung nachzukommen, Mitverantwortung zu tragen – theologisch ausge-drückt: Partner zu sein an Gottes Schöpfungsplan. Dass die Arbeit vielerorts ihres ursprünglichen Sinns beraubt wurde, ist hinlänglich bekannt. Der Job ist zu einer Berufstätigkeit geworden, die nicht mehr als Berufung verstanden wird, sondern lediglich als eine Tätigkeit, die man ausübt, um Geld zu verdienen. Eine auf Gewinn abzielende Arbeit mit minimalem persönlichem Engagement hat ihre eigentliche Funktion, nämlich die Selbstverwirklichung des einzelnen verloren. Der Job bietet wenig Gelegenheit, persönliche Qualitäten zu entfalten. Deshalb ist es unwesentlich, wer ihn übernimmt: der Arbeitnehmer wird austauschbar, und die Arbeit wird zur „Büetz“, zur Last. Haben Sie schon bemerkt, dass jeden Montag mindestens ein Moderator am Radio die Hörer und Hörerinnen auf den kommenden Freitag vertröstet, dass das nächste freie Weekend bestimmt wieder komme... So ist es begreiflich, dass jede Arbeit, die ihren personalen Charakter verloren hat, von dem, der sie nur aus Gründen der Existenzsicherung verrichtet, als Strafe empfunden wird oder aber als ein notwendiges Übel. Aber nicht Gott hat dem Menschen solcherlei Strafe auferlegt, sondern der Mensch selber hat die Arbeit entwertet. Wer das erkannt hat, weiss, dass eine Neuorientierung, eine Neuordnung der gesellschafts-politischen und wirtschaftlichen Strukturen für die Menschheit lebensnotwendig ist, wollen wir nicht in kriegerisches und wirtschaftliches Chaos versinken. Die Alternativen, vor denen unsere gesamte Zivilisation heute steht, sind die von Leben und Tod, Verantwortung oder Zerstörung. Wie vom Glauben an Gott her die Strukturen der archaischen Welt entmythologisiert worden sind, so will auch heute die christliche Ethik die Strukturen der technischen Zivilisation entmythologisieren. In Christus ist der Mensch frei geworden und zugleich verantwortlich sich und dem Nächsten, da in besonderem Masse dem Schwachen gegenüber. Daraus erwächst eine neue soziale Verantwortung, Arbeit, Nahrung und Wohnung auch den Geringsten auf dieser Welt zuteil werden zu lassen. Der Schweizer Sozialethiker Alfred de Quervain weist deshalb auf vier Punkte hin, in denen ein solches Verständnis des Menschen sich bewähren muss: 1. Der Arbeiter darf nicht einfach seiner Arbeit, dem Gesetz einer bestimmten Technik überlassen bleiben. In der Vermittlung geeigneter Arbeit, in der Bewältigung der Langeweile und in der Freizeitgestaltung kann menschliche Verantwortung wahrgenommen werden. 2. Die Arbeit schafft keine letzte, wirkliche Gemeinschaft. Arbeit ist nicht der letzte Sinn des menschlichen Lebens, wie die Marxisten meinen. Der Mensch ist wahrer Mensch als von Gott Geliebter und Beauftragter zur Mitwirkung an der Lebensgestaltung. 3. Der Status des blossen Lohnempfängers muss überwunden werden, indem dem Arbeiter im modernen Betrieb Mitverantwortung zuteil wird. 4. Geschwisterlichkeit muss sich darin äussern, dass um mehr Gerechtigkeit gerungen wird, um die Aufrichtung einer gerechteren Ordnung der Arbeit, des Lohnes und des Eigentums – und dies weltweit!

 

Doch wie sieht das heute aus? Zehntausende von sogenannt „intelligenten“ Maschinen sind an der Arbeit, werden weiterhin entwickelt, und alle haben zum Ziel, die menschlichen Arbeiter mit ihrer Begrenztheit und ihren Fehlerquellen auszu-schalten oder wenigstens zu minimieren. Im Zeitalter der Automation schafft Wachstum keine Arbeitsplätze mehr, oft vernichtet sie sie sogar. Die meisten Industrien können schon jetzt mehr produzieren bei gleichzeitiger Verringerung der Beschäftigtenzahl. Der Kampf um den Erhalt des Arbeitsplatzes ist zu einem weltweit ganz grossen „Kriegsschauplatz“ geworden. Dass dies ein idealer Nährboden für Mobbing ist, liegt auf der Hand. Wir stehen am Ende der Epoche, in der menschliche Arbeit die Quelle allen Reichtums war. Seit 25 Jahren hat sie sich angebahnt – jetzt hat sie begonnen: die dritte industrielle Revolution. Sie hebt den Zusammenhang zwischen Produktionswachstum und Beschäftigungszuwachs auf und stösst die These um, dass eine Belebung der Investitionstätigkeit die Arbeistlosigkeit verringere. Nun stellt sich die Frage: Führt die dritte industrielle Revolution in die Gesellschaft der Arbeitslosigkeit oder in die Gesellschaft der Freizeit? Wird sie den Menschen von verkrüppelnder Arbeit befreien oder wird sie ihn noch mehr verkrüppeln, indem sie ihn zu erzwungener Untätigkeit verdammt? Wird sie ein neues Zeitalter bringen, in dem wir immer weniger arbeiten und dennoch über immer grösseren Reichtum verfügen, oder wird sie die einen zu Arbeitslosigkeit, die anderen zu Überproduktivität verurteilen? Wenn allen zu Bewusstsein käme, dass es eigentlich keine Produktionsprobleme, sondern nur noch ein Distributionsproblem gibt, das heisst, das Problem der gerechten Verteilung des produzierten Reichtums und der gesellschaftlich notwendigen Arbeit auf die Gesamtheit der Bevölkerung, dann wäre die Aufrechterhaltung des derzeitigen Gesellschaftssystems gefährdet. Was würde aus der Arbeitsdisziplin, der Leistungsethik, wenn jeder wüsste, dass es technisch möglich ist, immer besser zu leben und dabei immer weniger zu arbeiten, und dass das Recht auf ein volles Gehalt nicht mehr nur dem vorbehalten zu sein braucht, der auch volle Arbeit leistet? Wir sind wiederum ganz nahe an der Geschichte vom Anfang mit dem Mangel an Arbeit im sogenannten Paradies angelangt.

 

Ein Zeichen dieser Zeit sehe ich darin, dass heutzutage überall sogenannte Ethikkommissionen wie Pilze aus dem Boden schiessen. Man könnte direkt in Versuchung kommen zu fragen, ob die Ethik heute die Religion als solche ablöst, das heisst die Ethik zum Religionsersatz wird. Der manchmal verzweifelte Ruf nach Ethik ist Ausdruck einer sich fundamental wandelnden Gesellschaft, auf Orientierungslosigkeit und Sinnleere. Voraussetzung jeglicher Ethik ist das Prinzip, dass jeder Mensch dem anderen genau die gleichen Freiheiten zugesteht, die er für sich selber beansprucht. Da sind wir ganz in der Nähe der sogenannten „goldene Regel“ aus dem Neuen Testament: „Was du willst, dass man dir tue, das tue auch dem anderen.“ Diese goldene Regel ist übrigens eine der zentralen Aussagen in allen Hochreligionen und wird im Weltethos von Hans Küng als eine der wichtigen Gemeinsamkeiten aufgenommen. Wie bedeutsam eine solche Aussage für die Mobbingthematik sein könnte, das brauche ich nicht noch näher zu betonen. Die christliche Ethik geht dann noch einen Schritt weiter zur Feindesliebe – in allem getragen vom grössten Gebot, wie Jesus es bezeichnete: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“ „Die Ethik macht die Menschen nicht gut, aber sie befähigt die Menschen guten Willens, ihre Position zu begründen“, sagt die Basler Philosophieprofessorin Annemarie Pieper. Ethik beschäftigt sich mit der Begründung und Ausgestaltung der normativen Grundlagen des Zusammenlebens, dann aber beschäftigt sie sich auch mit speziellen Anwendungen, beispielsweise mit der Arbeit. Die Werte und Normen haben trotz andauerndem Wandel stabilisiernde Faktoren. Dass wir uns aber im Moment in einem generellen Wertezerfall befinden, das wissen wir. Dies birgt Chancen zu einer dringend notwendigen Neuorientierung, aber zugleich auch Gefahren zu einem Vakuum, das bekanntlich ja immer eine Sogwirkung auf Extremes hat. Normen und Werte verlieren ihren Sinn, wenn sie nicht mehr mehrheitsfähig sind. Wir sind in der letzten Zeit eingebettet gewesen in drei Ebenen von Werten: Die erste Ebene betrifft die ethischen Werte. Hier geht es um den zentralen Begriff der Menschenwürde. Dieser Grundwert, haben wir gesehen, bedeutet Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Die zweite Ebene ist die der moralischen Werte: Sie bezwecken ein gutes Leben für mich selber, für die Mitmenschen, die Mitkreatur. Hier geht es im Besonderen um die individuellen Werte (Selbstbestimmung), sozialen Werte (Gestalten des Zusammenlebens) und ökologischen Werte (Verantwortung für die Mitwelt). Die dritte Ebene betrifft die ökonomischen Werte, wie freie Marktwirtschaft und Vertragsfreiheit. Von der logischen Gewichtung  her kommen zuerst die ethischen Werte, dann die moralischen und schliesslich die ökonomischen. In den letzten Jahren geschieht aber auch da eine radikale Umkehr. Die ökonomischen Werte werden immer mehr zum Massstab aller Dinge in Wirtschaft und Politik und Gesellschaft. Der Rest verkommt zum idealistischen Luxus. Der Wertebegriff ist dabei, sein moralisches Gesicht zu verlieren – das Geld wird zum Wert schlechthin. Dass hier ein sich Zurückbesinnen, ein Zurückbinden (das ist nämlich die genaue Übersetzung des Fremdwortes „Re-ligion“) notwendig, ja überlebensnotwendig ist, davon bin ich überzeugt. Und das heisst nichts anderes, dass wir wieder zum Anfang der Ethik, gerade der christlichen Ethik bzw. der Ethik im Sinne des Weltethos kommen, nämlich das andere Ich zu sehen, dem ich das schulde, was ich selber für mich beanspruche.“

 

Ich komme zurück auf die Arbeit. Im Wörterbuch christlicher Ethik lese ich unter dem Stichwort „Arbeit“ folgenden Eintrag: „Arbeit ist eine gezielte Anstrengung, mit der der Mensch die Möglichkeit einer teils unfertigen, teils widerspenstigen Welt in Dienst nimmt, entfaltet und prägt. Durch sie beschafft er seinen Lebensunterhalt und gestaltet sich, seinen Lebensraum und seine Geschichte auf der Suche nach Glück. Arbeit erscheint zunächst als unangenehme Begrenzung des menschlichen Freiheitsraumes, ist aber zugleich der Versuch, diese Begrenzung zu überwinden. Sie kann ein erfüllendes, spielerisches Element haben, das in der Neigung zu einem bestimmten Beruf zum Ausdruck kommt. Bejahte Arbeit vertreibt die Langeweile und das Gefühl der Nutzlosigkeit. Zur wirklichen Erfüllung des Lebens reicht Arbeit aber nicht aus. Sie muss in sinnvoller Weise auf Musse bezogen sein. Ein Arbeitsunfähiger ist kein wertloser Mensch. Was ein Leben erfüllt, ist die Liebe, ist das Tun in der Liebe.“ Soweit das Zitat aus dem Lexikon christlicher Ethik. Haben Sie gewusst, dass das Wörtlein „Tun“ das meist vorkommende Wort in der Bibel ist?