Mobbing-Zentrale Schweiz

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Psychiatrischer Alltag in Zusammenhang mit Mobbing

Dr. med. Richard Steiger, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Bern

Zusammenfassung des am 22. Oktober 2002 anlässlich des Symposiums der Mobbing-Zentrale Schweiz gehaltenen Referates

 

Richard Steiger gibt eingangs bekannt, dass er kein Spezialist von Mobbing sei und somit nur aus der Praxis spreche. Eine spezifische Mobbing-Therapie gebe es nicht. Ihm seien auch keine Spezial- oder Zusatzausbildung für Mobbing bekannt.

 

Der Gang zum Psychiater erfolgt meistens zu spät

 

Die Mobbing-Betroffenen oder die, welche glauben, Opfer von Mobbing zu sein – dies ist oft schwierig zu unterscheiden – gehen in der Regel spät bis zu spät zum Psychiater. Zu spät heisst, dass sie schon oft den Arbeitsplatz gekündigt haben oder es bereits zur Kündigung gekommen ist, ohne dass man etwas machen konnte, um den Arbeitsplatz zu retten. Wenn die Mobbing-Betroffenen beim Psychiater landen, ist das Mobbing in der Regel schon relativ weit fortgeschritten.

 

Unspezifische Symptome

 

Die Symptome sind dann verschiedener Art. Sie sind nicht klassisch zu ordnen. Der bekannteste ist der Verlust des Selbstwertgefühls. Dieser Verlust wird bei fast allen Mobbing- Patientinnen und Patienten festgestellt. Die Leute haben das Gefühl, dass sie nichts mehr wert sind, dass sie irgendwo am ganzen Geschehen schuld sind. „Ich wusste nicht wie, wusste nicht wo“. Solche Gefühle treten vor allem auf, wenn ein Macht-Ungleichgewicht am Arbeitsplatz zwischen Mobber und Gemobbten besteht, wenn es der Chef ist, der mobbt.

 

Psychosomatische Symptome

 

Die Symptome sind meistens psychosomatisch. Oft gehen die Leute primär zum Hausarzt. Sie klagen über Schlafstörungen, Einschlafstörungen, man wacht in der Nacht auf. Gelegentlich leidet man an Albträumen, die einen verfolgen. Man wird auch mehr und mehr auf das Thema fixiert. Man überlegt sich am Morgen, was man heute wirklich gut machen muss, um ja keine Vorwürfe zu hören.

 

Es nützt alles nichts ...

 

Je nach Mobbingklima nützen persönliche Anstrengungen nichts. Wenn man eine Person los haben will, kann sie noch so gut arbeiten, es spielt einfach keine Rolle, ob ihre Leistungen gut oder weniger gut sind. Man kann immer etwas kritisieren oder verallgemeinern. Wenn das Opfer einmal zu früh kommt, wird ihm vorgeworfen, es komme immer zu früh. Wenn es einmal zu spät kommt, wird gesagt, es komme immer zu spät. Man kann immer alles gegen denjenigen, den man mobbt, auslegen. Man kann immer eine Situation umdrehen. Deshalb ist es schwierig, Mobbing zu beweisen, wenn man gerichtlich vorgehen will. Es ist meistens aussichtslos. Wie will man Mobbing bezeugen? Man müsste Zeugen haben. Diejenigen, die eine konkrete Mobbing-Handlung miterlebt haben und sie bezeugen könnten, sind meistens nicht bereit als Zeugen aufzutreten, weil sie dann möglicherweise selber zu Opfern werden. Man zieht sich zurück, man hat nichts gesehen, man hat nichts gehört. das Nichteingreifen ist auch ein politisches Problem.

 

Mobbing-Patienten leiden an Depressionen

 

Sehr häufig führt das Mobbing zu einer depressiven Entwicklung. Es kann bis zu einer schweren Depression hinführen, die man psychotherapeutisch, das heisst mit regelmässigen Gesprächen oder / und mit medikamentöser Therapie behandeln muss. Die Behandlung löst allenfalls das Problem der Depression. Das Problem des Mobbing wird dadurch nicht gelöst. Es bräuchte eine Ursachen-Bekämpfung. Eine Ursachen-Bekämpfung ist erfahrungsgemäss nicht möglich. Man müsste mit denjenigen, die mobben, zusammensitzen. Wenn das Mobbing von oben gegen unten kommt, ist es deshalb noch viel schwieriger, dem Problem beizukommen, als wenn das Mobbing auf der gleichen Ebene verläuft.

 

Der Arzt ist Partei

 

Das adäquate wäre da eine Mediation. Der Arzt ist aber Partei. Er weiss vom Opfer mehr als vom Täter. Wichtig ist, dass der Therapeut zur Kenntnis nimmt, was die Person erzählt und ihr den Eindruck gibt, dass er an ihrer Erzählung nicht zweifelt. Er hört sich die Geschichte an. Es können Zweifel aufkommen, ob Mobbing vorhanden ist oder nicht und was genau an der Situation Mobbing sein soll. Der Psychiater kann nachfragen, hinterfragen. Im Laufe der Zeit wird die Sache klarer. Die Hintergründe können aber nie genau eruiert werden. Der Arzt hat immer eine einseitige Sicht der Dinge.

 

Selbstmedikation ist gefährlich

 

Depressionen sind die Hauptgründe, die bei Mobbing-Opfern zur Krankschreibung führen. Das ist die einzige Möglichkeit, die der Arzt und Psychiater hat, denjenigen Leuten, die an einer akuten Depression leiden, zu helfen. Wenn der Arzt sieht, dass sein Patient in einer sehr schwierigen Situation ist und zum Alkohol- oder zu Tablettenmissbrauch greift, tut er gut, ihn krankzuschreiben. Häufig haben die Leute das Gefühl, sie müssten sich beruhigen und Valium oder etwas nehmen, das sie vom Hausarzt oder von Verwandten und Bekannten bekommen haben. Man kommt relativ rasch zu solchen Mitteln auch wenn restriktiv damit umgegangen werden sollte. Diese Mittel führen zu Konzentrationsminderungen und zu vermehrten Fehlern am Arbeitsplatz. Gereiztheit kann dazukommen. Ferner verliert man manchmal auch die Selbstbeherrschung. Da kommt es natürlich zu Kritik vom Arbeitgeber. Man läuft dann in einen Teufelskreis hinein, aus dem man aus eigener Kraft nicht mehr herausfindet.

 

Die Universallösung gibt es in der psychiatrischen Praxis nicht

 

Mobbing kann nicht wegdiskutiert werden, indem man Lösungen präsentiert, die es nicht gibt. Es gibt keine Universallösung in der psychiatrischen Praxis. Dies ist einfach eine Tatsache. Jede Person ist unterschiedlich, hat eine unterschiedliche Geschichte, einen anderen Charakter. Der Psychiater kann sich sagen „kein Wunder, wird er oder sie mit einem solchen Charakter gemobbt!“ Der Arzt muss aufpassen, dass er nicht in das Gleiche hineinfällt und seinem Patient unrecht tut. Das ist manchmal schwierig, denn man kennt die Person erst in der akuten Situation und nicht vorher.

 

Das Selbstvertrauen zurechtbasteln

 

Im psychiatrischen Alltag geht es in erster Linie darum, das zerstörte Selbstvertrauen irgendwie zurechtzubasteln, zurechtzuzimmern, wieder aufzubauen. Aber dafür gibt es kein allgemeingültiges Rezept. Ein zwanzigjähriger Mann, eine sechzigjährige Frau haben unterschiedliche Geschichten und müssen unterschiedlich begleitet werden.

 

Mit den Patienten überlegen ...

 

Den Leuten, die noch am Arbeitsplatz sind, sollte der Arzt raten, nicht zu kündigen.
Er sollte vielmehr mit ihnen überlegen, was am Arbeitsplatz konkret vorgekehrt werden kann. Sollen sie zum Vorgesetzten gehen und sagen, ich habe Problem mit den Arbeitskollegen, weil das und das und das vorgefallen ist? Oft kommt es doch zur Kündigung. Dann kann der Psychiater nur noch versuchen zu verstehen, warum es so weit gekommen ist.

 

Die Opfer merken nicht, dass sie gemobbt werden

 

Perfid am Mobbing ist, dass es von den Opfern am Anfang gar nicht wahrgenommen wird. Sie merken nicht, dass sie gemobbt werden, bis es quasi zu spät ist, um reagieren zu können. Konflikte oder Fehler kommen am Arbeitsplatz immer vor. Man kann sie diskutieren und aus der Welt schaffen. Aber wenn es eine gleitende Entwicklung ist und man ist plötzlich mitten darin und weiss gar nicht warum, dann wird es schwierig. Es geht dann oft nur noch darum, zukunftsorientiert zu denken. Im Hinblick auf eine zukünftige Arbeitsstelle gilt es, aus den gemachten Mobbing-Erfahrungen zu überlegen, wie man Mobbing an einer neuen Arbeitsstelle verhindern kann. Der Arzt muss mit dem Patienten überlegen, wo bei ihm Schwachstellen sind, die zu berechtigter Kritik führen können. Der Arzt kann dem Patienten helfen, nicht wieder ins gleiche Fahrwasser zu geraten.

 

Das Ding heisst Zivilcourage

 

Bei Depressionen kann es in extremen Fällen zum Suizid kommen. Auch als Passivzuschauer von Mobbing sollte man eingreifen und versuchen, die Leute zu unterstüzten. Das Ding heisst dann Zivilcourage.

 

Aerzte können missbraucht werden

 

Der Arzt muss aufpassen, dass er alles richtig gewichtet. Es kann sonst für ihn sehr teuer werden, sollten Vorwürfe von einer Versicherung oder vom Arbeitgeber erhoben werden und er eine juristische Auseinandersetzung austragen müsste. Die Ausstellung eines Arztzeugnisses ist oft heikel. Ein solches Zeugnis kann als Parteizeugnis angesehen werden. Dem Arzt kann vorgeworfen werden, er schreibe ein Zeugnis zu Gunsten des Patienten, ob es berechtigt sei oder nicht. Wie will der Arzt wissen, ob das, was ihm der Patient sagt, richtig ist oder nicht? Er schreibt die Patienten krank, wenn sie ihm glaubwürdig erscheinen, aber das ist sehr subjektiv. In der Regel muss der Psychiater den Patienten glauben. Er kann ihnen nicht sagen, beweisen sie mir, dass sie gemobbt wurden. Er begibt sich damit aber auf juristisches Glatteis.